Geschichten aus der Schulsozialarbeit (2)
Ich durfte bei Lehrerin P. hospitieren und mit in die Schulküche: Plätzchen backen mit einer Horde Viertklässler. Wir haben uns in Gruppen aufgeteilt. Dominik war mit in meiner Gruppe: kurz geschorenes Haar (selbst gemacht? Friseur ist teuer!), sehr dünn, sehr schmutzig: die Ohren voller braunem Dreck, die Fingernägel lang und schwarz verkrustet. Ein stürmischer, lauter Junge, der erstaunliche Machogesten machte, als ich die Kinder beim Teig rühren fotografiere. Beim Plaudern erzählt er, dass er heute hundemüde sei, weil Mama und ihr Freund so lange gestritten haben, weil “sie immer mit Papa fremdgeht”. Als wir später ganz heimelig zusammen Lebkuchengewürzwaffeln essen und uns gegenseitig erzählen, wie wir Weihnachten verbingen wollten, bricht Dominik unvermitteln in Tränen aus und kann nichts mehr sagen.
Dann stand passenderweise ein Elterngespräch mit Dominiks Mutter an und Lehrerin P. bat mich, dabei zu sein. Die Mutter von Dominik hat fast weiß gebleichtes Haar und ist dermaßen gesonnenbankbräunt, dass man erwartet, dass es um sie herum knusprig riecht. Die Fingernägel sind künstlich verlängert und glitzern golden. Schon klar, warum da keine Zeit bleibt, dem Sohn die Ohren zu waschen und die Nägel zu schneiden.
Die Familiensituation ist recht desolat: Frau B. pflegt ihre schwerkanke Mutter und hat drei Kinder von zwei Männern. Sie lebt derzeit in Scheidung vom zweiten Mann, der sie, wie schon der der erste Gatte, schlägt und bedroht. Die beiden Söhne besuchen die Förderschule, das kleine Mädchen geht in den Kindergarten. An eine Berufstätigkeit ist gar nicht zu denken.
Und ja, gibt sie der Lehrerin und mir Recht, sie benötige dringend Hilfe und Entlastung und werde sich in der ersten Januarwoche an das Jugendamt wenden und die entsprechenden Anträge stellen.
Wetten, nicht? Warum bin ich mir da so sicher?




Januar 19th, 2012 at 21:08
Du bist Dir da sicher, weil Du realistisch bist.
Viele Menschen sind so.
Es gibt viel zu viele Menschen, die überfordert sind, und zu viele Behörden, die nicht genügend Personal haben und zudem zu starr sind, um zu helfen.