Die Kunst der Stille – Im Kino: “The Artist” Die Neuinterpretation eines vergessenen Genres
In Mel Brooks „Silent Movie“ war es ausgerechnet Marcel Marceau, weltberühmter französischer Pantomime, der das einzig im Film gesprochene Wort lieferte.
In „The Artist“, dem formalen Stummfilm von Michel Hazanavicius (Buch und Regie), wird die Stille gleich mehrere Male kunstvoll durchbrochen. Der Protagonist, Stummfilmstar George Valentine (mit Brillantine-Charme strahlend verkörpert von Jean Dujardin), vom Studioboss wegen des aufkommenden Tonfilms ausgemustert, wird in einem Alptraum von Tönen terrorisiert und von Alltagsgeräuschen außer Gefecht gesetzt. Plötzlich klirrt das umfallende Glas, klopft das Holz des Rasierpinsels auf dem Tisch, klingt gellend das Kichern der vorbei eilenden Showgirls. Nur er selber kann keinen einzigen Ton erzeugen und spiegelt so in seinem beängstigenden Traum seine eigene Unfähigkeit, flexibel zu reagieren wider. Töne als Akzent, Geräusche als Bedrohung, Kommunikation als neumodischer Krimskrams.
Auch seine Filmfrau Doris (eine durch blondes Haar sehr gealterte Penelope Ann Miller) leidet unter seiner Kommunikationslosigkeit und seinem Stolz.
Die aufkommende Moderne in Form des ehemaligen Fans und Sternchens Peppy Miller (ganz im Stile des Stummfilm augenrollend agierend die reizende Bérénice Bejo) die sich aus Dankbarkeit und Liebe um den abstürzenden Star kümmern möchte, scheitert mehrere Male an dessen Unfähigkeit, sich auf das Neue einzustellen und Hilfe anzunehmen.
Umgekehrt wird Lautlosigkeit als bewusstes Stilmittel in der Dramaturgie benutzt. Setzt die von Ludovic Bource behutsam komponierte Filmmusik aus, wirkt die Stille beklemmend und spannend zugleich.
Der oft erwähnte Clou des Films mit einer Musicalnummer zu enden, schlägt die Brücke für Valentine, tanzend doch wieder in das Filmgeschäft einzusteigen. Sie versöhnt die Zuschauer und gleichsam die tragikomische Hauptfigur mit der Bedrohung durch Töne und Geräusche mit dem schönsten aller Klänge: Der Musik.




Februar 28th, 2012 at 16:57
[...] Ich bekenne, dass mich die Oscarverleihung bisher noch nie wirklich interessiert hat. 2012 war es anders: Ich hatte zwei der Oscar prämierten Filme (The Artist und Hugo Cabret) nicht nur gesehen, sondern ich wußte vor der Gala schon, dass beide nominiert waren. Von einem davon “The Artist”, den ich selbst in die Kategorie “Muss man einfach gesehen haben” einordne, gibt es hier auf dem Blog sogar eine Rezenzion. [...]