Der Hund in der Fabel: Kynopolis von Christine Lehmann
Selten hat mich die Beschreibung auf einem Bucheinband so verwirrt, wie bei der Originalausgabe des Buchs Kynopolis von Christine Lehmann. Dieses Buch stammt zwar schon aus dem Jahr 1994, war aber über Booklooker.de noch in großer Zahl sehr preiswert verfügbar. Gesucht und gelesen hatte ich es wegen des Untertitels “rasanter Hundekrimi und wunderschöne Tiergeschichte in einem” und natürlich wegen der Autorin. Enttäuscht wurde ich nicht.
Gute Bücher wie dieses haben eine Eigenart: Je nach Erfahrung des Lesers und der ihn umgebenden Ereignisse lösen sie Gedanken im Kopf aus, die sehr verschieden sein können. Ich kann aus dem Untertitel nur das Wörtchen “rasant” bestätigen. Die Ereignisse fangen harmlos an und überschlagen sich zum Ende hin in dunklen, dichten Bildern voll allegorischer Komponenten und verdichteter Aussagen. Ich habe den Zugang zum Buch erst gefunden, als ich es für mich als gelungene Fabel eingeordnet hatte. Dieses Genre, in denen Tiere menschlich handeln, hat seinen ganz eigenen Reiz. Ob die den Tieren dabei zugeordneten menschlichen Eigenschaften den Tieren nach Meinung des Lesers wirklich entsprechen, ist dabei ohne Belang. Im Zusammenhang mit einem Irish Wolfhound steht der treffende Satz: “Größe macht auch dann Eindruck, wenn sie unaggressiv ist“, andere Kennzeichen der beteiligten Hunde sind der Fabel angepasst und verstärken die gewählten Bilder.
Als ich sowohl den Ansatz “Hundekrimi” und “wunderschöne Tiergeschichte” über Bord geworfen hatte, offenbarte sich mir eine Fülle von Parallelen zu heutigen Gesellschaft. So löst die dunkle Macht, die Kynopolis beherrscht, im Buch bei den Hunden ähnliche Angstgefühle aus, wie sie heute einen großen Teil der laut Politik nicht existierenden Unterschichten unserer Gesellschaft dominieren. Die herrschenden Hochnasen bilden zwar keine homogene Masse, machen aber die Gesetze, an die sich die anderen, in diesem Fall die Hunde, Nasen genannt, zu halten haben. Wie im realen Leben gibt es solche, die mit den Hochnasen gemeinsame Sache machen, sich prostituieren und im Interesse der Hochnasen selbst gegen die gewaltsam werden, die eigentlich auf der gleichen Seite stehen. Ebenfalls treffend beschrieben ist das Verhalten der Intellektuellen, die auf Verständigung hoffen und schon in den eigenen Reihen damit kaum Erfolg haben. Wie bei den Parteien erscheinen Machterlangung, Machtausübung und Demagogie als Hauptzweck der Organisation zur Verständigung zwischen Nasen und Hochnasen. Die Krönung: Das was als dunkle Macht erscheint und wahrgenommen wird, ist nicht die eigentliche Bedrohung.
Mit den Kernsätzen des Buches hätte sich die Autorin am kürzlich beendeten Blog-Karneval zum Thema Politikverdrossenheit und Parteiendemokratie beteiligen können. “Niemals würden die Hochnasen dulden, dass wir unseren eigenen Gesetzen folgten, dass wir unsere Regeln aufstellten, dass diese Regeln Gültigkeit für die Hochnasen hätten, dass sie uns achten und als Partner akzeptieren müssten. Wir waren ihre Geschöpfe, solange wir blöde und stumm stillhielten, und ihre Feinde, sobald wir unseren eigenen Willen hatten.”
Kynopolis steht nach meinem Empfinden als Metapher für unsere so genannte demokratische Gesellschaft, die bei echtem Widerstand von den herrschenden zerstört und in eine Diktatur verwandelt wird oder die zerschlagen werden und mit einem Neuanfang als echtes Kynopolis, echte Demokratie, wieder erstehen muss. Diesen zweiten Ausweg zeigt die Autorin allerdings nicht: Ihr Ende zeigt die Überlebenden bei der Wiederholung eingeübter Verhaltensmuster – was wie ein Happy-End aussieht ist der vollständige Sieg der dunklen Seite. Aber auch das ist eine Parallele zur Realität.
Fundstelle zum Thema Anubis/Kynopolis
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Juni 28th, 2007 at 14:16
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