Twitter – Der Anfang einer Liebe
“Am Anfang war … ” Nein, nicht das Licht, nicht Twitter, nichts Virtuelles. Am Anfang waren zwei Leben, ihres und meines. Beide Leben waren ihrerseits mit anderen Leben verbunden. In Ehen. Langjährigen, für eine gewisse Zeit glücklichen. Mit Erlebnissen und Gefühlen, die bleiben werden. Und die dennoch nicht für ein Leben ausreichten. Aus Gründen, bekannten und unbekannten. Und plötzlich tritt Twitter aus dem Hintergrundrauschen: “Twitter der Ehekiller”. Bums. Aus dem Off, als Tweet, unvermutet, als Nonmention, also nicht an mich, sondern an die Allgemeinheit gerichtet. Aber stimmt das, nur weil wir jetzt nicht mehr nur bei Twitter zusammen sind?
In einer anderen Situation als der unsreren hätte ich diesen Tweet vielleicht nicht mal wirklich registriert. Aber es war eine gute Twitterfreundin, die ihn schrieb. Und mich traf. Wie es so oft mit Tweets ist: Sie berühren, verletzen mitunter, aber gute Tweets regen zum Nachdenken an. Immer. Denn man muss Twitter als das nehmen, was es eigentlich ist: ein öffentlich gemachtes Selbstgespräch (oder auch Zwiegespräch), auf das andere freiwillig eingehen.
Also begann ich nachzudenken: Ist Twitter in der Lage, Ehen zu killen? Eindeutige Antwort am Ende eines harmonischen, das Herz erwärmenden Wochenendes: “Nein, nicht Twitter killt, nicht Twitter fügt. Alles Wichtige passiert im realen Leben. Dort, und nur dort. Twitter regt Gedanken an und beschleunigt Entscheidungen, die anders möglicherweise nie oder viel später getroffen worden wären – obwohl es notwendige Entscheidungen sind, die schnell getroffen werden müssten.”
Ihr könnt hier auf dem Blog nachlesen, dass ich, um das “Gespenst Twitter” aus meiner angespannten Beziehung zu verbannen, einige, zugegeben wenige Tage, auf Twitter verzichtet habe. Auf das Lesen meiner Timeline und die Interaktion mit den Menschen hinter den Accounts. Und das war es, was sofort fehlte: Die Menschen in meiner Timeline, ihr Mitgefühl, ihre Anteilnahme, ihre Hilfsbereitschaft, ihre menschliche Wärme. Nicht “Das Twittern” selbst. Denn ich twittere nicht, ich lese die Geanken meiner Freunde.
Und plötzlich formten sich Fragen, angeregt durch die Gedanken anderer. Was bitte läuft in meinem Leben so falsch, dass ich “virtuelle Kontakte” suche und mehr schätze als Menschen meiner direkten Umgebung? Und siehe da: Ich diskutiere in einer Art Selbstgespräch meine Probleme mit anderen Menschen, lauere auf ihre Reaktionen auf meine Fragen und Probleme und stelle plötzlich und für mich völlig unerwartet fest, woran es eigentlich liegt: Mein Leben funktioniert, tadellos, freundlich, nett, gefühlvoll. Wo aber verdammt ist die Liebe geblieben? Wo ist das hin, was mich zum Herzensmenschen, Geliebten, Papa und Opa macht? Seit wann war ich das nicht mehr? Aber ist es nötig zu erkennen, seit wann es so ist? Nein. Es ist eigentlich “nur” nötig zu erkennen, dass es so ist bzw. was nicht mehr ist. Dabei kann die Twitter-Timeline helfen. Auch die Menschen dahinter in nicht-öffentlichen Kommunikationen. Und es muss nach Lösungen gesucht werden. Entscheiden aber kann nur jeder selbst.
Als – auch mit der Hilfe der Herzensmenschen aus meiner Twitter-Timeline – plötzlich der Groschen fiel, waren die Lösungen plötzlich einfach: Hintertüren schließen, klare Bekenntnisse ablegen, längst fällige Entscheidungen treffen. Nicht nur gegen, sondern vor allem für etwas. Für ein glückliches, zunächst eigenes Leben. Und sobald dieses Bekenntnis abgelegt ist, Entscheidungen getroffen sind, folgt ganz selbstverständlich der nächste Schritt: Aufschauen, Umschauen, Staunen. Unerwartet auf Liebe stoßen. Mitten rein ins leere Herz.
Seit dem Wochenende gibt es ein Foto von mir, das ich so von mir nicht mehr für möglich gehalten hätte. Einen entspannten jungen Mann mit strahlendem Gesicht und leuchtenden, liebevollen, funkelnden Augen. Obwohl im öffentlichen Raum entstanden, werden es nur wenige Personen sehen. Wichtige. Weil dieses Bild alles sagt, alles, was in Worten nicht auszudrücken ist. Und es stand Twitter am Anfang dieser großen, realen Liebe. Dieses neuen, erfüllten und spannenden Lebens. Aus Gründen. Und nun kann ich den Rest der Zugfahrt genießen – den Nachklang eines glücklichen Wochendes im Herzen.



