Muenchen: Denunzianten setzen Nichtraucherschutzgesetz durch
Als ich heute seinen Tweet las, da dachte ich noch, DeralteSack übertreibt. Schon heute Abend wurde ich in München aber nachdenklich. Ich war nur wenige Meter außerhalb meines seit Jahren bekannten Umfelds in einer Münchner Kneipe. Vielleicht sollte ich mir für die Zukunft angewöhnen, nach dem Erstkontakt einen Straßenbiergarten sofort wieder zu verlassen. Habe ich versäumt. Und so nahm das Sammeln eher ungewollter Erfahrungen seinen Lauf.
Erst musste ich zuhören, wie ein untoter, schwerhöriger und offensichtlich geltungsbedürftiger Altnazi alter Herr seiner Begleiterin die Politik erklärte und als erstes eine Bombe auf Brüssel werfen wollte. Als er Zensursula wegen ihrer Kinderzahl mit asozialem Pack verglich, das in unverantwortlicher Weise mehr als zwei Kinder in die Welt setzte, wurde mir leicht übel und ich hoffte, seine Bombe würde nicht Brüssel treffen. “Selbst die Chinesen begrenzen die Zahl der Kinder auf zwei!” war der letzte Satz, den ich akustisch von ihm hörte, dann hatte ich sein Geräusch ausgeblendet.
Ein am Nebentisch dahinsiechender Alt-Schornsteinfeger, der erst ein Eis, dann ein Weißbier und dann eine Pilzsuppe zu meiner Verwunderung nicht wieder aushustete, brachte mit seiner Bemerkung beim Anzünden einer Zigarette “Man stirbt sowieso, ob man Raucher oder Nichtraucher ist” den ob seiner unprofessionall agierenden Bedienung angefressenen Wirt zum Explodieren. “Die Deutschen sind doch selber schuld, wenn sie sich nicht wehren!” Oha, dachte ich voller Zustimmung. “Schuld an der (nicht näher erklärten) Misere sind doch die Schmarotzer“. Er hatte dabei vermutlich eine andere Menschengruppe als ich im Sinn, aber ich war wörtlich gesehen einverstanden. Es war aber dann erst einmal unfair von ihm, der Bedienung fehlende Professionalität vorzuwerfen und mich beinahe im gleichen Atemzug nach dem Verzehr eines latschigen, in Essig ersäuften und mit Fleischwurstscheiben und Käsestreifen begrabenen und für diesen Zustand überteuerten Salat, zu fragen, ob es mir geschmeckt hätte. Ich war mutig genug, eine Art “Nunja” von mir zu geben. Aber vermutlich war ich wie immer der Einzige, der meinen Zorn merkte.
Aber gleich nach der Wut über die Schmarotzer kam der Satz zum so genannten Nichtraucherschutzgesetz. Er würde jetzt konsequent niemanden mehr in der Kneipe rauchen lassen. Wer sich beschwere, bekäme zu hören, dass er ja dagegen hätte stimmen können (was sich so anhörte, als wären genau die Raucher nicht abstimmen gegangen). Und außerdem kämen jeden Tag Denunzianten in die Kneipe, die nur darauf warten würden, dass sich ein Gast (oder gar er, der rauchende Wirt) eine Zigarette ansteckten. Sieh an, dachte ich. Die Angst davor, denunziert zu werden, sorgt nun für Raucherfreie rauchfreie Kneipen.
Mir war schlecht und sicher war nicht nur der Salat schuld. Bin ich übersensibel? Wäre das erste Mal in meinem Leben, dass ich zu den Kassandras gehöre …



